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Rätoromanisch

Beschreibung

Studienobjekte der Rätoromanistik

Objekt des Studiengangs «Rätoromanische Sprach- und Literaturwissenschaft» ist das Rätoromanische der Schweiz: eine «Amtssprache» des Kantons Graubünden, eine «Nationalsprache» der Schweiz, eine «Regionalsprache» Europas. Obwohl es sich um die Sprache und Literatur einer kleinen Sprachgemeinschaft handelt, ist das Fach äusserst vielfältig: Das Rätoromanische hat unzählige Dialekte, fünf geschriebene Idiome und eine überregionale Standardsprache, das Rumantsch Grischun. Es hat auch eine lange, mannigfaltige und gut dokumentierte Schrifttradition sowie eine lebendige, vielgestaltige und reichhaltige zeitgenössische Literatur. Schwerpunktmässig beschäftigt sich die Zürcher Rätoromanistik mit Sprach- und Kulturkontakt, Literatur- und Identitätsgeschichte, mit zeitgenössischer Literatur, mit der Geschichte und Gegenwart der rätoromanischen Sprach- und Heimatbewegung sowie mit Fragestellungen, welche die spezifische Situation einer Kleinsprache und sprachlichen Minderheit betreffen.

Der Bachelor- und der Master-Abschluss eröffnen Berufsfelder, in denen vertiefte und wissenschaftliche Kenntnisse des Rätoromanischen, analytisches Denken und gute Schreibkompetenzen erforderlich sind, z.B. Sekundarschul- und Gymnasialunterricht, Sprach- und Kulturvermittlung, Sprach- und Kulturpolitik, Journalismus, Verlags-und Bibliothekswesen sowie Privatwirtschaft. Der Master-Abschluss ist Voraussetzung für weiterführende akademische Qualifikationen (z.B. Doktorat).

Zentrale Studienobjekte der rätoromanischen Literaturwissenschaft
•    Literarische Werke des 19. und 20. Jahrhunderts
•    Religiöse, politische und populäre Literatur seit dem 16. Jahrhundert
•    Literatur im kulturgeschichtlichen Kontext einer Kleinsprache und Sprachbewegung
•    Verhältnis von eigener literarischer Tradition und fremden Einflüssen
•    Literarische Wertung unter Berücksichtigung ästhetischer sowie kulturhistorisch-ethnographischer Aspekte

Schwerpunkte der rätoromanischen Linguistik
•    Geschichte und Aktualität der verschiedenen regionalen und lokalen Sprachformen
•    Standardisierungsproblematik des Rätoromanischen und anderer Kleinsprachen
•    Soziolinguistik und Kontaktlinguistik
•    Sprachenstatistik, Sprachenrecht, Sprachenpolitik
•    Sprachliche Analyse von Pressetexten, sprachlichem Material aus Radio und Fernsehen sowie weiterer Gebrauchstexte

Voraussetzungen für das Studium der rätoromanischen Sprach- und Literaturwissenschaft
Für das Rätoromanistikstudium sind Pioniergeist, Lust an der Auseinandersetzung mit sprachlichen und literarischen Besonderheiten sowie gute Kenntnisse mindestens eines rätoromanischen Idioms gefragt, welche auch während eines mehrsemestrigen Sprachkurses erworben werden können. Die familiäre Atmosphäre im Fachkreis spricht auch Nicht-Muttersprachler an, die sich mit den Traditionen einer Kleinsprache und kontroversen Ansprüchen im rätoromanischen Sprachraum befassen möchten.

Zur Geschichte des Fachs
Ein wichtiger Ausgangspunkt der rätoromanischen Sprachwissenschaft sind G. I. Ascolis 1873 erschienene «Saggi ladini», die das Bündnerromanische, das Dolomitenladinische und das Friaulische zu einer Einheit zusammenfassen. Die Schweizer Rätoromanisten Robert von Planta, Florian Melcher und Chasper Pult sen. spielten eine bedeutende Rolle in der Anfangsphase des Dicziunari Rumantsch Grischun, des rätoromanischen Idiotikons (gegründet 1904; erscheint seit 1939). Sie waren bemüht, in ihrem Wirken die Eigenständigkeit des Bündnerromanischen gegenüber den benachbarten italienischen Mundarten hervorzuheben, eine Ansicht, die später auch der Zürcher Romanistik-Professor Jakob Jud (1922–1950) vertrat.
In der Schweiz wird rätoromanische Sprachwissenschaft an den Universitäten Zürich, Fribourg und Genf (bis 2002 auch an der Universität Bern) betrieben.
Die «Rätoromanische Chrestomathie» (1888–1912) von Caspar Decurtins, angelegt aus kulturhistorischem und volkskundlichem Interesse, ist die bis heute wichtigste Textsammlung für die rätoromanische Literaturwissenschaft. Weitere Meilensteine sind die «Litteratura dals Rumauntschs e Ladins» (1979) des Zürcher Romanistik-Professors Reto R. Bezzola sowie das Handbuch «Literatur und Kleinsprache. Studien zur bündnerromanischen Literatur seit 1860» von Clà Riatsch und Lucia Walther. Eine ästhetisch-kritische Wertung in Verbindung mit einer kulturhistorisch-soziologischen Einordnung der Texte beginnt erst mit den Arbeiten von Iso Camartin, dem ersten Professor für «Rätoromanische Literatur und Kultur» an der Universität und der ETH Zürich (1985–1997). Als zweiter Inhaber des Lehrstuhls für «Rätoromanische Literatur und Kultur» an der Universität Zürich (2001–2017) verantwortete Professor Clà Riatsch ein breites Panorama an Forschungsprojekten und Publikationen, die mit den Forschungsmethoden der modernen Literaturwissenschaft Werke und Phänomene der rätoromanischen Literatur analysieren und beschreiben.
 

Rätoromanisch in Europa

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