Die Kraft der Berührung: Auserwählung als ästhetisches Prinzip

Projekttitel: "Er ist's! Auserwählte als Erscheinungen des Medialen"

lic. phil. Xenia Goślicka

So häufig Auserwählte in den Künsten anzutreffen sind, so vielschichtig ist jeder Versuch einer allgemeineren Bestimmung ihrer Person und Berufung. Als aktuelle fiktionale oder inszenierte Gestalten stehen sie für etwas, das – ohne sich davon zu lösen – über den religiösen Kontext hinausweist. Ihre ursprüngliche, das heisst religiöse Bestimmung ist diejenige der Heilsvermittlung. Sie sind Medien in einem früheren, ‚naiven’ Verständnis eines ‚Sprachrohrs Gottes’: über sie erfolgt die Kontaktnahme mit einer entrückten Sphäre des Göttlichen. Umgekehrt erfährt diese durch sie Bestätigung. In Auserwählten erneuert sich so das religiöse Heilsversprechen; es wird manifest, gewinnt durch seine Verkörperung Evidenz.

Damit ist der Kern ihrer Wirkungsmacht für die Künste im Blick: In der Figuration der Auserwählung kristallisieren sich Fragen der Darstellung und Vermittlung, wie sie für die Künste zentral sind: Wie kann ein an sich Unberührbares berührt werden? Wie kann die Kunst, die eben Kunst und nicht Wirklichkeit ist, den Kontakt zur Wirklichkeit herstellen und bewahren? In welchem Verhältnis zur Wirklichkeit steht sie? Und auf welche Auffassung von Wirklichkeit, welche Auffassung von Kunst beruft sie sich dabei? Für diese Fragen zuständig ist die Ästhetik, beantwortet werden sie im einzelnen Kunstwerk. Dieses ist, auch wenn es eigenen Regeln gehorcht, nicht unabhängig von den konkreten je äusseren Wirklichkeiten zu denken, die sich ihm bei der Entstehung und Rezeption einschreiben und zu denen es sich umgekehrt verhält. Indem Auserwählung nicht nur von der Vermittlung, sondern auch vom ‚Heil’ spricht, findet in der Figuration der Auserwählung eine existenzielle Dimension Eingang in die Sphäre des Ästhetischen. ‚Heil’ zeigt sich aus dieser Blickrichtung als eine je bestimmte, unveräusserliche ‚Wirklichkeit’ und ‚Wahrheit’, über die nicht verfügt, mit der aber mittels Auserwählung ein Kontakt hergestellt werden kann.

Bestimmt sich der Bezugshorizont eines Heilsversprechens wie bis zum Anbruch der Neuzeit und darüber hinaus im Religiösen, sind Wahrheit und Bedeutung des Heils weitgehend ungefährdet. In Frage stehen dann in erster Linie die Prozesse seiner Versicherung und Vermittlung. Im Zug der weitreichenden Umwälzungen der Aufklärung erfahren die religiösen Bezugsfelder tiefgreifende Erschütterungen und Verlagerungen. Das religiöse Heilsversprechen transformiert sich, die Grenze zwischen Religion und Ästhetik wird durchlässig. Lokalisierte die mittelalterliche Passionsmystik die Momente von Kontaktnahme und Unmittelbarkeit innerhalb des Religiösen, verschiebt sich eine solche ‚Berührung mit der Wirklichkeit’ nun in den Raum des Ästhetischen. Erhalten bleibt die religiöse Herkunft, nicht aber – zumindest nicht in jedem Fall – ein religiöser Geltungsanspruch. Als ästhetische Fragestellungen zielen Kontakt und Vergegenwärtigung nicht mehr auf die absolute Wahrheit eines Jenseitigen, sondern auf den Wirklichkeitsbezug, die Aufgaben und Wirkungsweisen der Kunst selbst. Die unsicher gewordene Wahrheit und Bedeutung eines ‚Heils’ wiederum – welches unveräusserliche Versprechen von ‚Wirklichkeit’ im Einzelnen auch gemeint sei – wird zu einer Frage, die zu beantworten und gestalten sich nicht zuletzt die Künste aufmachen. Gerade vor dem Hintergrund von Aufklärung und Moderne drängt die ästhetische Frage, wie die Künste statt äussere Welt abzubilden, eine eigene, jedoch nicht hermetische Welt herzustellen vermögen.

Im Zentrum der Dissertation stehen die Anregungen, die Auserwählung für Fragen der Kunstproduktion und -reflexion bereithält. Sie untersucht drei prägnante historische Stationen, an denen – deutlich sichtbar an der jeweiligen Konzeption und Gestaltung von Auserwählung – Glaubens- und Darstellungsfragen gemeinsam in Bewegung geraten:
1. das Körperbild der Stigmatisierung bei seiner «Erfindung» (Chiara Frugoni) um 1300 mit Franz von Assisi und als das «echte Bild» (Hans Belting), das im 20. Jahrhundert die Fotografie zu sein verspricht,
2. seine Erneuerung im Aufzeichnungsprojekt Clemens Brentanos mit der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick um 1820 und
3. schliesslich der ästhetisch-ethische Erwählungsentwurf der Romantetralogie Thomas Manns, Joseph und seine Brüder, der sich zwischen 1926 und 1943 dazu aufmacht, die jüdische Erzelternerwählung der Genesis für die Moderne fruchtbar zu machen.

Das Projekt ist Teil des NCCR Mediality, Universität Zürich